Wertkosten

Wieden, 05.12.12

„Was nix kostet, ist nix wert.“

Seit Jahren höre ich ihn immer wieder, diesen Satz und jedesmal aufs Neue muss ich mich darüber ärgern. Nicht weil ich die Tatsache als solche leugnen will, nein, weil ich nicht von der Überzeugung abrücken will, dass es so mal einfach nicht sein sollte, nicht sein darf. Eine letzte Desillusionierungsresistenz, die da in mir aufschreit „Nein, so nicht!“, eine letzte Windmühle für den letzten Rest von Ritter in mir. Eine kleine Restnaivität, ein Funken Glaube der, nachdem er Gott und die Liebe schon längst aufgegeben hat, sich an eine unmonetäre Wahrheit klammert.

Unnötig alles aufzuzählen, was mir tagtäglich die Unsinnigkeit meines Standpunktes beweist. Auch keine Hilfe die seltenen Begebenheiten zu nennen, in denen dann doch noch eine Hoffnung aufblitzt. Denn natürlich sind nicht alle und nicht alles so, zumindest nicht immer, aber unterm Strich dann doch und darauf kommt es ja an, das zählt ja eben und schon ist man wieder in dieser Unabdingbarkeit gefangen in der nur das zählt was gezahlt wird.

So eine romantische Einstellung wie meine könne man sich eben nicht leisten, wobei mir auffällt, dass die vehementesten Verfechter der Wertkosten-Symbiose eben die sind, die es sich eigentlich leisten könnten, diese Verbindung nicht als untrennbar zu betrachten.

Das beste Beispiel dafür ist derzeit Frank Stronach, der in absoluter Konsequenz alle gesellschaftlichen Vorgänge auf das Geld zurückführt. Eine solche Welt, in der alles und jeder seinen Preis hat ist in letzter Konsequent natürlich wertfrei, denn was kostet das Geld…

Dadurch sind Stronachs Standpunkte selbst von einer sonderbaren Wertfreiheit, die sie jenseits des bekannten politischen Spektrums stellt. Im Grunde macht Stronach auch nach der Parteigründung noch immer keine Politik, er selbst betont ja gebetsmühlenartig das Vokabel „Wirtschaft“, ein Begriff, der bei ihm aber nur das reine Rechnen mit Kostenfaktoren umfasst. Darüber geht sein Denken niemals hinaus.

Wenn Stronach davon spricht, er müsse sich Medien kaufen, ist dies nicht als amoralischer Angriff auf demokratische Strukturen zu verstehen. Er rechnet sich ganz simpel aus, dass eine positive Berichterstattung eben etwas kosten müsse. Genauso wenn er Armin Wolf und dem ORF finanzielle Interessen hinter ihrem Verhalten ihm gegenüber unterstellt: Das ist kein politisches Manöver, Stronach bezichtigt seine Kontrahenten der Absichten in den Kategorien, die sein eigenes Sein bestimmen und begrenzen. Die Vorstellung, dass irgendeine Tätigkeit von etwas anderem motiviert sein könnte als monetärem Gewinn ist ihm völlig fremd.

Eines allein scheint ihm klar: Dass nicht alle es schaffen, diese seine Konsequenz aufzubringen, in seinen Augen eine unverzeihliche Schwäche, auf die er jederzeit bereit ist, mit dem Finger zu zeigen. „Sie verstehen nichts von Wirtschaft“ ist Stronachs häufigstes und im Endeffekt einziges Argument, fußend auf seinem persönlichen wirtschaftlichen Erfolg, von dem er natürlich weiß, dass er vielen anderen etwas gekostet hat, also auch viel wert ist. Der Erfolg, der recht gibt, auch so ein schöner Stehsatz. In Stronachs Denken kann Stronach nur recht haben, die anderen liegen falsch, als Bestätigung dafür reicht ihm ein (schweizer) Kontoauszug.

In dieser Konsequenz bleibt Stronach, selbst in der Gebärdung als Rumpelstilzchen absolut authentisch und vor allem: Verständlich. Gab Sinowatz’ berühmter „das klingt alles sehr komplizert“ Sager die Quintessenz der Politik wieder, vertritt Stronach den Gegenstandpunkt, eben die letztendliche Verneinung der Politik: Wer das Geld hat, schafft an. In Zeiten der vielbeschworenen Politikverdrossenheit ein Erfolgsmodell.
Stronachs Schlagworte von Wahrheit, Transparenz und Fairness sind deshalb, und das müssen sich gerade seine Kritiker bewusst machen, nicht etwa Propagandalügen. In Stronachs Welt, die rein aus Kostenfaktoren und messbaren, finanziellen Werten besteht, stimmen sie. Die angekündigten „Neuen Werte für Österreich“, sie haben ihre Grundlage im alten Satz „Was nix kostet ist nix wert“. Und jeder, der diesen Satz, und sei es unterm Strich, für richtig hält, ist potentieller Stronach-Wähler. Das meine ich nicht vorwurfsvoll, sondern wertfrei. Als Tatsache, die ich auch nicht leugnen will.

Weil ich ja schlussendlich genau so dazugehöre. Und damit versuche ich nun endlich die Kurve zu kratzen. Denn ich wollte doch nicht über Stronach schreiben. Eine Auseinandersetzung mit ihm, auch wenn sie nicht wie bei Armin Wolf direkt geschieht, empfinde ich als unheimlich quälend, in seinen Ansichten offenbart sich eine grundlegende Wertlosigkeit, die jede Beschäftigung damit für mich als Wertverlust erscheinen lässt. Ich wollte über meine, meine ganz persönliche Auseinandersetzung zum Thema Kosten und Wert schreiben und da macht er sich plötzlich breit, der Stronach in uns, in mir.

 Ich sitze im Cafe Goldegg. Ich tue das nicht aus Verklärung der Wiener Cafehaus-Literaten. Ich tue das auch nicht aufgrund des Ambientes, auch wenn es mir wirklich gut gefällt. Ich sitze hier, eine gute Gehminute von meiner Wohnung entfernt, weil ich hier gut schreiben kann. Und das liegt nicht nur an den grundsätzlichen Vorteilen der Trennung zwischen Wohn- und Arbeitsbereich, liegt nicht nur am Tritt in den Hintern, den der Tritt vor die Haustür mit sich bringt. Der wahre Grund ist, dass ich die Zeit, die ich hier verbringe, nutzen will, weil sie mir etwas kostet. Ich konsumiere einen Kaffee, manchmal noch einen, denn ich brauche etwas zwischen den Fingern, eine Betätigung neben dem Schreiben. Im Endeffekt ist das hier meine Arbeitszeit, für die ich noch zusätzlich zahle und eigentlich kann ich mir das gar nicht leisten. Aber diese Zeit ist mir eben mehr wert, ist mir lieb, weil teuer.

Und so hat es mich dann auch erwischt, ich lasse auch die letzte Windmühle zufrieden, erkenne nicht nur die Tatsache, ich anerkenne sie, bekenne mich zum Allgemeinen: Wenn der Tod der Preis ist, den wir für das Leben zahlen, dann ist es auch gut sei, denn ansonsten wäre es uns nichts wert. Eine Schlussrechnung. Und ich sitze an diesem wunderschönen Ort, habe etwas geschrieben, etwas fertig gebracht und fühle doch einen unheimlichen Verlust, weit mehr, als die paar Euro für den große Mokka.