Weitermachen oder: Der Fels

Wieden, 31.12.2012

 

Eigentlich schon ein paar Wochen alt, dieser Text, aber er passt halt so gut zum Jahreswechsel. Dabei bin ich gar kein Freund von großen Worten zu diesem Datum. Aber andererseits klänge ein jetzt formuliertes Vorhaben, nächstes Jahr anlassunabhängig Dinge zu tun, wieder verdächtig nach Neujahrsvorsatz.
Also in diesem Sinne: Die Krisenstimmung wird es auch 2013 geben. Soviel kann ich versprechen.

 

Weitermachen oder: Der Fels

Wo fang ich jetzt an? Das ist eine verlogene Frage. Vielmehr müsste sie lauten: Wo mach ich jetzt weiter? Und vor allem: Wann?

Wirkliche Anfänge gibt es selten im Leben und wenn, dann gehen sie meistens ganz leicht, oft so, dass man sie gar nicht bemerkt. Die Schwierigkeit liegt darin, das ganze Begonnene am Laufen zu halten. Die Trägheit der Masse mag eine physikalische Tatsache sein, im Alltag scheint es aber weit mehr Energie zu benötigen, Dinge in Bewegung zu halten statt zu setzen.

Vielleicht bin ich auch einfach nur zu leicht. Meine Trägheit kombiniert sich nicht mit der notwendigen Masse. Ein hingeworfener Kiesel, kein rollender Stein. Die Chaostheorie als einzige Hoffnung, irgendwas zu bewegen.

Aber vor allem mache ich es mir natürlich zu leicht. Weil ich keine Steine Rollen will. Camus schildert den zu seinem Felsen zurückkehrenden Sisyphos als glücklichen Menschen. Und da liegt mein Problem: Ich versuche glücklich zu werden, ohne den verdammten Felsen den Berg hinauf zu schaffen. Dabei bräuchte es gar nicht mehr. Runter rollen tut er ja eh von allein. Aber weil mir dieser eine, eigentlich halbe Weg schon zuviel ist, werde ich nicht glücklich.

Ist das auch das allgemeine Problem: Diese Umgehung des Felsens? Seine Wegrationalisierung als scheinbar verzichtbarer Kostenfaktor? Die Vermeidung der Anstrengung weil es ja eh nichts bringt?

Wir vermeinen ganz abgeklärt, im intellektuell-ironischen Grundkonsens unserer Zeit, die Sinnlosigkeit, das Absurde der Existenz ja sowieso schon erkannt zu haben, aber das stimmt gar nicht, denn wir haben zuvor nicht den Felsen gerollt! Aber das musst du schon erst tun, um wirklich zu wissen, wie sinnlos es ist! Dann, schweißgebadet, mit aufgerissenen Händen und Blasen an den Füßen zum Felsen zurückhatschend, dann erst erlangt man die Erhabenheit, das erst ist die wahre Selbstverwirklichung im Absurden.

Das hieße dann also, selbst das Absurde, selbst die Sinnlosigkeit muss man sich erst mal verdienen. Von nix kommt nicht einmal nix. Das Absurde mag absurd sein, aber es ist leistungsgerecht.

Das kann es dann aber auch nicht sein. Das kann Camus doch nicht gemeint haben. Wo bin denn hier wieder gedanklich falsch abgebogen? Wo habe ich mich da verloren? Vielleicht ist das das Problem: Ich wälze schon Felsen, aber am falschen Ort! In der Ebene, da wo sie liegenbleiben und nicht zurückrollen, wieder ankommen am Ursprungsort. Denn nur dann kann man weitermachen und nicht immer irgendwo anders neu anfangen.

So wie jetzt. Jetzt habe ich es geschafft, wieder am Ursprungsgedanken anzukommen. Einmal Felsen gerollt und wieder zurück. Jetzt könnte ich weitermachen. Jetzt kenne ich das wo. Bleibt immer noch die Frage: Wann?