Stufen des Verfalls

Wieden, 28.04.2013

 

Folgender Text ist ein Nachtrag und schon einige Wochen alt. Seitdem hat sich zumindest das Wetter verbessert.

Stufen des Verfalls

 

Da will man einmal sozial sein. Ich denke mir also, ich gehe vor die Tür, um eine zu rauchen, weil drinnen im Lokal die Luft wirklich schon steht, nein, eigentlich daliegt, schwer und drückend. Ich trete also vor die Tür und aus dem Nebel in den Regen. Na toll. Nicht nur, dass es viel zu kalt ist, jetzt regnet es auch noch. Ich richte meinen Blick gen Himmel. Muss das denn echt sein? Clara lächelt mich an. Ich sage: „Ich wollte doch sozial sein und draußen rauchen.“ Sie sagt: „Ach, scheiß auf’s Soziale.“ Na sowas. Hätt ich ihr gar nicht zugetraut. Aber wahrscheinlich ist das auch so eine, der man nie das zugetraut hat. So wie mir. War ja immer ein netter Bub. Und wohl deshalb habe ich bis heute zeitweise den Drang beweisen zu müssen, dass ich auch anders, also zumindest nicht immer nur so kann. Gelingt mir bloß nicht. Ich kann eigentlich machen was ich will, schockieren tu ich damit niemanden. Entspricht mir einfach nicht. Wirklich. Ich sage Ihnen, ich könnte mich splitterfasernackt vor Ihnen ausziehen und mit einem Kruzifix böse Sachen machen, Sie würden immer noch einen netten Bub sehen. Mühsam so was. Deswegen arbeite ich auch gerne mit Kindern. Die kann ich wenigstens noch ein bisschen schockieren. Also nicht, dass Sie jetzt glauben, ich ziehe mich nackt vor denen aus. Wobei, so ein pädophiles Image wäre wenigstens noch eine Möglichkeit, für Aufsehen zu sorgen. Aber nein, das will ich dann auch wieder nicht. Und um ehrlich zu sein, schockiert sind die Kinder auch nie. Manchmal bin ich ihnen ein wenig peinlich. Immerhin etwas. Die Peinlichkeit, der Skandal des Biedermannes.

Wieder zurück. Also zurück ins Lokal. Doch lieber drinnen eine Zigarette. Ist ja eh schon wurscht. So wie der nächste weiße Spritzer. Ich weiß nicht, ob ich mit dem Auftritt zufrieden sein kann, will. War ja auch nicht mein Auftritt. Habe ja nur beigetragen. Und mich mal wieder nicht ganz dazu passend gefühlt. Naja. Ein paar Leute wollen mit mir reden. Ich bekomme Lob. Naja. Man bleibt vor mir stehen, die Gespräche gehen an mir vorbei. Nein, bitte nicht über Kunst. Ja, wir haben eh alle da irgendwie damit was zu tun. Aber wir pflegen das Image mehr als die Kunst. Könnte ich jetzt sagen. Tu’s aber nicht. Würde ja eh keinen damit aufregen.

Ich blase den Rauch aus. Er bleibt an der zu niedrigen Decke hängen. Puh. Wie komme ich heut eigentlich heim. Habe schon lang keine Nachtwanderung mehr gemacht, aber es regnet und es ist kalt und ich bin müde und hungrig. Stimmt, hungrig. Ich hab ja nichts mehr gegessen, bevor ich aus dem Haus ging. Hatte auch keine Zeit dafür. Weil ich mich lieber noch für eine Stunde auf’s Ohr gelegt habe, weil ich schon da müde war. Jetzt bin ich ich immer noch müde und hungrig auch. Also ess ich doch noch was im Lokal. Damit ist dann auch mein Bargeld aufgebraucht. So. Wenn ich also nicht zu Fuß heim gehen will und das steht für mich ja eigentlich schon fest, brauche ich ein Taxi und ein Taxi kostet Geld, also brauche ich noch Geld.

Der Nino wohnt ja hier, darum frage ich ihn nach einem Bankomaten. „Naja“, sagt er und blickt sich suchend im Lokal um, „der nächste ist glaub ich beim Schwein.“ Dabei grinst er, wie er es meist macht, wenn er die Wahrheit sagt. Und auch die Natalie pflichtet ihm bei: „Ja stimmt, dort beim Schwein, das ist der nächste.“ Dann fahren sie beide im Duett fort, in langsamer Stetigkeit die begonnen Sätze des anderen jeweils ergänzend: „Ja, das ist da vorne… wenn du hinausgehst… zur nächsten Straße… ja, zur Austellungsstraße und dort dann hinein… da, beim Admiral-Casino im Prater… aber noch davor… also eher noch am Rande des Praters, nein eigentlich ist das noch gar nicht der Prater aber halt dort.“ Gut. Ich bin geneigt, ihnen zu glauben.

Ich verabschiede mich also in die Runde. Einmal so an alle, das muss reichen. Kurz bleibt mein Blick an dem Mädel hängen, mit dem ich mich doch eigentlich vorhin ganz gut unterhalten habe. Naja, ich geh jetzt. Draußen regnet es gar nicht mehr. Aber ich bleibe bei meinem Beschluss der Bequemlichkeit. Vor zur Ausstellungsstraße. Plötzlich steh ich im Gatsch. Aha, die Ausläufer des Praters. Eine Dame fernöstlicher Herkunft spricht mich an:

„Ficken, Blasen, gemma gleich?“

„Nein danke, ich suche ein Schwein.“

Sie verzieht keine Miene. Wahrscheinlich hört sie laufend viel unglaublichere, dümmere Sätze als diesen. Sie wird auch keine Unterhaltung wollen. Und ich will schon gar nicht witzig sein, so wie die, die sich witzig glauben wenn sie bei ihr M1 mit Frühlingsrolle bestellen. Sowas möchte ich nicht. Ich will Prostituierten höflich begegnen. Ganz offen gestanden, ich treffe lieber auf eine Prostituierte als auf einen Bettler. Bei dem plagt mich das schlechte Gewissen, ob ich denn wirklich gar kein Kleingeld übrig hätte. Bei einer Prostituierten hingegen kann ich ganz ehrlich sagen, dass ich mir das halt nicht leisten kann.

Wobei ich mir aber auch eigentlich keine nächtlichen Taxifahrten leisten kann. Das wird mir bewusst, als ich plötzlich das Schwein erblickte, das dort tatsächlich fett und rosa auf einem Bankomaten thront. Aber das mit dem Taxi ist halt jetzt eine Notwendigkeit. Im Gegensatz zur sexuellen Bedürftigkeit kann ich mich auch nicht einfach per Handumdrehen selbst nach Hause bringen. Zum Glück ist es kein Automat meiner Bank, demnach bleibt mir der Blick auf den Kontostand erspart, das macht die Abhebung gefühlsmäßig leichter. Ich blicke über meine Schulter. Immerhin ist es ja doch zwei Uhr früh am Rande des Praters. Ich überlege mir, ob ich mir ein Schild mit der Aufschrift „Überfall zahlt sich nicht aus. Kassa wird täglich geleert.“ umhängen soll.

Aber es passiert eh nichts. Bis zum Taxistand sind es auch nur ein paar Meter. Ich nehme Platz auf einem Ledersitz. Was für eine Verschwendung. Warum gibt es keine Billigtaxis mit Holzgarnituren?

Immerhin ist der Taxler kein Plauderer. Mir ist jetzt auch wirklich nicht nach reden zu Mute. Mein Blick bleibt die Fahrt über auf den Taxometer gerichtet. Ich kann dabei zuschauen, wie sich das frisch abgehoben Geld wieder verflüchtigt. Pro Minute gerechnet wäre die Praterprostituierte wohl doch billiger. Aber da tät ich nicht so weit kommen. Ich lege den letzten Gedanken in der untersten Wortwitzschublade ab. Für ganz schlechte Zeiten.

Am Ende sind es 11 Euro 90. Ich runde auf ganze 12 auf. Bin nicht gerne ein Trinkgeldknauserer, aber es geht halt nicht anders. Außerdem ist er zweimal bei Gelb stehen geblieben. Wenn ich im feinen Anzug dagesessen wäre, hätte er sich das sicher nicht getraut. Als ich mein Vorzimmer betrete, grüßt mich das Mistsackerl, das ich eigentlich beim aus dem Haus gehen mitnehmen wollte. Naja, vielleicht morgen. Überhaupt gehört hier drinnen dringend aufgeräumt. Auf der Wohnzimmercouch stapelt sich Schmutzwäsche, die Winterdecke, ein Keilrahmen und die Gitarre mit nur mehr vier Saiten. Darüber hängt Breugels „Turmbau von Babel“. Was für ein schönes, vielsagendes Gesamtbild. Sollte ich fotografieren. Vor dem Wegräumen. Naja, vielleicht morgen.

Ich drehe noch den Computer auf. Vielleicht hat mir ja Max geantwortet. Hab ihm ein Mail geschickt mir Vorschlägen für unseren nächsten Abend, Thema „Stufen des Verfalls“. Während des Hochfahrens schenke ich mir den letzten Rest aus einer Rotweinflasche ein, die da noch herumsteht. Ein schwaches Achterl zum Ausklang eines schwachen Abends. Max hat nicht geschrieben. Aber er ist auch krank. Als ich ihn diese Woche besuchte, sah er richtig arm aus, aufgeschwollenes Gesicht, ganz schmale Augen, Rotznase. Nicht einmal geraucht hat er. Das macht einem schon Sorgen. Wir sind halt inzwischen in einem Alter, wo der Körper auch nicht mehr alles verträgt. Ich weiß auch jetzt, rotweintrinkend, dass es mir morgen nicht sehr gut gehen wird. Naja, morgen.

Ich habe doch Nachrichten bekommen. Jugendliche aus einer Theatergruppe fragen nach dem nächsten Probentermin. Ich antworte, sie sollen nicht stressen, sie seien noch jung, hätten also Zeit und mögen das gefälligst genießen. Am Schluss füge ich hinzu, mich morgen darum zu kümmern. Puh. Hab schon richtig viel vor morgen.

Der Wein ist leer, noch eine Zigarette. Dann wanke ich ins Bett und versuche dabei, auf die Stellen des Bodens zu treten auf denen nichts herumliegt. Es ist wie Stiegensteigen in der Horizontalen. Das sind sie also, die Stufen des Verfalls, denke ich mir noch. Sollte ich aufschreiben. Vielleicht morgen.