Stadt statt Staat – Schottland und mögliche Folgen

Zunächst die obligatorische Relativierung: Wie auch immer das Referendum diesen Donnerstag endet, wirklich Unabhängigkeit kann Schottland natürlich nicht werden. In welche Richtung sich die Welt entwickeln möge, Schottland wird auch scheinbar selbstbestimmt mitgehen, ein noch so hoher Hadrianswall blockt keinen Einfluss von außen ab. Es geht also um die symbolhafte, die gefühlte Unabhängigkeit, um den bloßen Titel der Eigenstaatlichkeit. Nicht, dass dies zu unterschätzen wäre. So wie das Sein das Bewusstsein bestimmt, so auch umgekehrt. Die Entscheidung, die die Schotten am Donnerstag treffen, ist die wohl wichtigste in ihrem Leben als Wahlberechtigte.

Und welches Ergebnis würde ich mir wünschen? Ich bin mir nicht sicher. Zunächst tat ich die schottischen Unabhängigkeitswünsche als Unsinn ab. Wozu soll das gut sein, in Zeiten, wo alles zusammenwächst, eine staatliche Trennung zu erzwingen? Inzwischen denke ich mir, wenn die Globalisierung sowieso Tatsache ist, wieso sollte man sich dann nicht die Freude am Schein der Unabhängigkeit leisten? Und angesichts dessen, dass die Abspaltungsgegner vor allem mit den drohenden Kosten argumentieren, würde es mir schon taugen, wenn die Schotten auf die Meinung von Banken und Konzernen kräftig scheißen würden (ja, eine gewisse Braveheart-Symbolik bleibt in dieser Sache unvermeidlich).

Was wirklich gegen den schottischen Seperatismus spricht ist der darin inhärente Nationalismus. Dieses fehlerhafte Konzept von einer natur- oder zumindest geschichtsgegebenen Einheit von Sprache, Volk und Land, das Heterogenität nicht als Reichtum und Potential erkennt sondern sie ignoriert, eine Ignoranz die früher oder später in Ablehnung und schließlich Bekämpfung mündet. Dieser Nationalismus, der in ganz Europa wiederaufersteht, was häufig als Folge der Krise bezeichnet wird, meines Erachtens nach aber die eigentliche, grundlegende Krise darstellt. Der längst auch, Ungarn sei hier nur ein Beispiel, beweist, dass er eben nicht nur harmlose Heimatliebe ist. Und der für seine Illusion der Abschottung gegenüber der modernen Realität nicht auch noch eines unabhängigen Schottlands als Vorbilds bedarf.

Aber vielleicht würde ein Ja der Schotten zur Abspaltung doch eine Chance bilden. Die EU hat ja zwei institutionelle Hauptprobleme: Den zu großen Einfluss der einzelnen Mitgliedsstaaten und deren Ungleichgewicht. Die kleinen Staaten fühlen sich von den großen bevormundet, die großen empfinden die kleinen als Last und wenn es kritisch wird siegen nationaler Egoismus und Konkurrenzdenken.

Man stelle sich nun vor, Schottland wird unabhängig, bleibt aber so wie das restliche Großbritannien ein Rechtsnachfolger des Vereinigten Königreichs und damit Mitglied einer nunmehr 29 Staaten umfassenden EU. Das Beispiel macht Schule, in Großbritannien selbst (Stichwort Wales) aber auch im Süden Europas. Katalonien wird unabhängig, daraufhin auch andere Regionen wie das Baskenland. Der seit langem bestehende Gegensatz zwischen Nord- und

Süditalien führt schließlich zur Auflösung, doch nicht das von der Lega Nord propagierte Padanien entsteht sondern kleinere Einheiten, Venetien, Lombardei, Piemont usw.

So weit ist dieses Szenario durchaus eines, wie es von einigen politischen Proponenten befürwortet wird. Der nächste Schritt ist schon um einiges weiter hergeholt aber ich will das Gedankenexperiment durchspielen: Auch in Bayern setzt sich die Meinung durch, eigenständig besser dazustehen, weitere deutsche Bundesländer folgen. Schließlich erfasst die Seperatismuswelle auch Frankreich. Okzitanien, Elsass, die Bretagne… von Belgien ist zu diesem Zeitpunkt sowieso schon lange keine Rede mehr. Diese Entwicklung würde Polen zum größten verbleibenden EU-Staat machen aber auch hier gibt es wirtschaftliche und historische Gründe zur Aufsplitterung: Schlesien geht seinen eigenen Weg, Krakau wird Haupstadt der Republik Galizien. Am Ende des Prozess bliebe innerhalb der EU kaum ein Staat mit mehr als 10 Millionen Einwohnern bestehen.

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die Union dabei endgültig zerbrechen würde. Wenn die EU schon mit 28 Mitgliedsstaaten kaum funktioniert, wie erst mit 70? Würde eine solche Seperation nicht erst recht den Focus auf die Interessen des eigenen Staates anstatt auf das große Ganze richten? Doch vielleicht würde ja diese riesige Anzahl an Nationen den Wert des Nationenbegriff auf ein erträgliches Maß reduzieren und die Erkenntnis durchsetzen, dass es ohne die anderen nun einfach nicht gehe. Also ein Übermaß an Nation als Mittel gegen den Nationalismus? Ich gebe zu, ich bin da selbst skeptisch. Und mir sind diese staatlichen Einheiten noch immer zu groß. Das Modell, das sich zuletzt in meinem Kopf als mögliche Grundlage für ein vereintes Europa bildete: Der Stadtstaat.

Dieser Gedanke ist nicht zuletzt beeinflusst durch eine Reise nach Vilnius letztes Wochenende, die mir wieder einmal vor Augen führte, wie stark der individuelle Charakter einen jeden europäischen Stadt ist. Jede Stadt hat ihr eigenes Wesen und gleichzeitig ist das Wesen Europas. Wenn man so etwas wie eine „europäische Kultur“ postulieren so ist sie vor allem städtisch. Städte sind seit der Antike die hauptsächlichen Kulturträger und sie waren dabei häufig autonom. Dass die italienischen Republiken die Renaissance hervorbrachten ist ein häufig genanntes Beispiel aber auch nördlich der Alpen war die Stadt eine Erfolgsgeschichte. Städte bieten gegenüber Nationalstaaten einige gerade heute wichtige Vorteile: Sie integrieren besser (man fühlt sich schneller in einer neuen Stadt zuhause als in einem Land) und sind gleichzeitig wandlungsfähiger. Als grob vereinfachendes historisches Beispiel sei das Wien des 19. Jh. genannt. Es verkraftete massive Migration nicht nur gut sondern erschuf dabei eine Kultur, die bald als das spezifisch „Wienerische“ bekannt war und bis heute nachwirkt. Gleichzeitig scheiterte die Monarchie an den Herausforderung ihrer Zeit, vor allem am nationalstaatlichen Wahn.

Also, statt der häufig diskutierten Frage ob die EU sich zum Bundesstaat oder Staatenbund entwickeln sollte schlage ich als Alternative den Städtebund vor. Ein Europa, das nur mehr zwei Ebenen kennt, die der selbstverwalteten Städte1 mit starker, doch offener regionaler Identität und die der Union, die die Persönlichkeitsrechte aller Einwohner sicherstellt und über handlungsfähige, direkt gewählte Gremien verfügt (wie schön wäre es doch, wenn EU-Posten nicht mehr nach nationalstaatlichen Erwägungen besetzt werden würden).

Ja, vieles an diesem groben Konzept ist fraglich, aber angesichts des Ist-Zustands muss Europa grundlegend neu gedacht und das nur scheinbar historische Konzept des Nationalstaats (in Wirklichkeit ein Produkt des 19. Jh.) endlich ad acta gelegt werden. Aber ich fürchte, dafür werde ich von hier bis Schottland momentan noch wenig Zustimmung erhalten.

1Was meine ich damit? Natürlich nicht jede Gemeinde, die heute Stadtrecht besitzt. Eine bestimmte Einwohnerzahl als Grenzwert anzugeben ist nicht sinnvoll. Grob definiert handelt es sich um Städte, die für ihren Umkreis (in den meisten zentraleuropäischen Fällen bis max. 100km) eine Zentrumsfunktion vorweisen. Diese kann auch auf mehrere Städte verteilt sein, so z. B. in Vorarlberg. Diese Regionen wären z. T. deckungsgleich, aber auch kleiner als die sogenannten Metropolregionen (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Metropolregion). Auch topographische Überlegungen spielen eine Rolle. Auf dem Gebiet des heutigen Österreich wären diese Stadtregionen mit den derzeitigen Bundesländern identisch mit einigen Ausnahmen: Wien plus Niederösterreich, Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck, Kärnten (Doppelzentrum Klagenfurt/Villach), Vorarlberg (ev. auch mit deutschen Gebieten wie Lindau). Das Zentrum des Burgenlandes ist natürlich Sopron