Schluss Punkt Rechtfertigung

Der Krisenstimmung ging’s auch schon mal besser.

Geht’s dem Gregor Fröhlich gut, geht’s der Krisenstimmung schlecht.

Gregor Fröhlich und die Krisenstimmung. Das sind formal gesehen vier Wörter. Der Schlüssel liegt dabei im kleinen Wörtchen „und“. Es drückt die Verbundenheit meiner Person mit einer Gefühlslage aus, die ich beizeiten aktiv suche, sie aber auch gerne passiv über mich kommen lasse. Diese Verbindung ist weniger symbiotisch als parasitär. Aber nicht in dem Sinne, dass mich arme Seele die Krisenstimmung auszehrt, nein, ich nähre meine dünne Persönlichkeit durch die Krisenstimmung. Aus diesem Grunde habe ich die ganze Sache gestartet und aus diesem Grunde lasse ich es dann auch wieder gerne sein, wenn mir das Leben aus anderen Quellen Wohlbefinden, vor allem aber Inhalt verschafft. Die Krisenstimmung ist nicht weg. Das macht es ja auch leicht, vorerst auf sie zu verzichten, denn sie wird schon nicht verschwinden. Aber im Moment, leider, können wir Sie nicht brauchen.

Aber darum geht es hier eigentlich gar nicht. Eigentlich will ich ja was ganz anderes schreiben. Aber das kann ich nicht, besser gesagt, erscheint es mir nicht richtig, solange ich nicht dargelegt habe, wieso ich in letzter Zeit, im letzten Jahr, sowenig schrieb. Also geht es um Rechtfertigung, in erster Linie mir selbst gegenüber. Denn seien wir uns ehrlich, nein, sei ich mir ehrlich, wer liest denn das hier wirklich. Bevor ich also schreibe, was ich eigentlich schreiben möchte, rechtfertige ich mein Vorhaben überhaupt schreiben zu wollen. Vorauseilende Rechtfertigung. Rechtfertigung vor Inhalt. Wobei gar nicht der kommende Inhalt gerechtfertigt wird sondern nur der Umstand, dass jetzt etwas kommt. Ich weiß, dass dieser Hang zur vorauseilenden Rechtfertigung eine eklatante Schwäche von mir ist.

Natürlich bin ich da nicht der einzige. Unsere ganze Komunikationskultur, so sie denn eine ist, hat die Rechtfertigung bevor man das Wort, ob schriftlich oder mündlich, ergreift, zu einem fixen Bestandteil gemacht. Beispiel: Die ritualisierte Vorstellung eines Referenten zu Beginn seiner Rede ist nichts anderes als ihn als Wortergreifenden zu rechtfertigen. Dabei dient vor allem das in der Vergangenheit von dieser Person gesagte als Rechtfertigung für das nun von ihr gesagt werdende. Dieser Mechanismus dient nicht zuletzt der Abschottung der sogenannten intellektuellen Kreise. Nur wer schon etwas gesagt hat, hat etwas zu sagen. Das Internet bot nun eine scheinbare Aufhebung dieser alten Kommunikationsstrukturen. Doch die Strukturen kamen zurück. In den Foren entstand bald eine neue Aristokratie in Sachen Sprachermächtigung. Die Anzahl der Postings bestimmt, wessen Meinung zählt. Die Foren, diese oft elitären Gesprächszirkel wurden von der Social Media Masse verdrängt. Aber auch hier gilt das althergebrachte. Unaufhörliches twittern gestehen die Follower jenen zu, die entweder von Anfang an dabei waren, oder aber, inzwischen weit häufiger, ihre Kommunikationsberechtigung aus anderen, ganz traditionellen Medien wie Print und TV beziehen. Andernfalls wird es Sprachbelästigung gesehen, der Verursacher entfolgt oder blockiert, zum Schweigen gebracht, denn ohne Rezipient bleibt Sprache stumm. Wer sich neu auf Twitter begeistert dem Gedanken hingibt, nun mit aller Welt sprechen zu können, wird schnell eines besseren belehrt: Du nicht. Da könnt ja jeder kommen. Vereinzelt regt sich Widerstand gegen die „Alphas“, also den Diskursbestimmern mit Sprachberechtigung. Verständlich, aber müßig. Auch das Internet hebt die Rituale der Kommunikation nicht auf. Und inzwischen ist es so alt, dass es schon wieder früher besser war. Kleines Beispiel noch: Selbst die auf 140 Zeichen verkürzte Twittersprache hat die Rechtfertigungsformeln zu Beginn einer Wortergreifung nicht ausgelöscht. Sehr beliebt ist „ich will ja nix sagen“. Eine quasi Entschuldigung, vorab Distanzierung von der eigenen Wortmeldung. Und vor allem eine Lüge. Man will schon was sagen, betrachtet es aber, da von der eigenen Person kommend, insgeheim doch als Anmaßung. Als stille Hoffnung bleibt, von jemanden geretweeted zu werden, der darf.

Puh. Das war jetzt eine Abschweifung, die selbst für meine Verhältnisse ausufernd war. Dabei hätte es nur die Vorrede für einen neuen Text sein sollen, geboren aus dem schlechten Gewissen, seit letzten Juni nichts mehr auf meine Homepage gestellt zu haben. Das war damals ein Abschiedsbrief an die Zigarette. Selbstredend habe ich nie wirklich und ganz aufgehört.

Vor einem guten Jahr machte man mir ein sehr schönes Kompliment: Mein Wesen sei es, immer extrem weit auszuholen aber dann doch noch auf den Punkt zu kommen. Nun scheint mir diese finale Punktlandung nicht mehr zu gelingen. Das war doch alles nicht das, was ich sagen wollte. Aber was es war, daran kann ich mich nun tatsächlich nicht mehr innern. Weg. Ich habe den Punkt in der Ausholbewegung verloren, mich selbst darin verloren. Alterserscheinung? Zu meinem Geburtstag änderte ich den ersten Satz meiner Biografie. Statt „Ende 20“ steht da jetzt „auch schon 30“. Das war am 7. Juli und die letzte Aktion, die ich auf meiner Homepage setzte.

Vielleicht gibt es die Verbindung zwischen meiner Person und der Krisenstimmung nicht mehr. Vielleicht will ich sie nicht mehr nutzen. Umstände haben sich geändert , ich auch und ich bin ja auch froh darüber. Es gibt jetzt anderes, was mich definiert. Aber irgendwie fehlen tut sie mir schon, die Krisenstimmung. Also komme ich zu dem Schluss: Ich möchte wieder mehr schreiben. Das war doch eigentlich alles, was ich sagen wollte. Bedarf ja wirklich keiner Rechtfertigung.