Spiel’s noch einmal, Morse

Grundsätzlich beschäftige ich mich ja ganz gern mit allem. Der folgende Beitrag hat nun tatsächlich das Ausgangsthema „Sport“. Ja, auch das interessiert mich. Allerdings bin ich keiner dieser neuen Generation blumenauscher Fußballintellektueller, die ihren Systemfetisch an einem im Grunde herrlich zufälligen Spiel auslassen, nach dem Motto wenn ich schon sonst nichts erklären kann, dann wenigstens Fußball. Das mag ja auch Freude machen, ist aber halt nicht meins. Nein, ich schätze am Sport die Irrationalität. Oder besser gesagt, die scheinbare Rationalität. Denn es gibt ja im Sport Regeln, Tabellen, ja sogar Punktesysteme für ästhetische Kriterien. Alles scheint seine Ordnung zu haben. Und dann aber passiert so etwas:

Die folgende Geschichte ereignete sich Samstag Nacht in St. Louis, Missouri, bei einem Spiel zwischen den beiden Profibaseballmannschaften Washington Nationals und St.Louis Cardinals (die Nationalen gegen die Kardinäle, klingt ein wenig nach Kulturkampf im ausgehenden 19. Jahrhundert). In einer strittigen Situation griffen die Schiedsrichter auf Instant Replay zurück, das, was bei uns häufig Videobeweis genannt wird, wenngleich die korrekte Übersetzung Sofortwiederholung lautet. Und es wurde tatsächlich wiederholt. Aber der Reihe nach.

Zunächst ist es für das Verständnis der Geschehens notwendig, zumindest das Grundprinzip von Baseball begriffen zu haben. Nun, da ich immer ein Faible für Wissen mit ungeklärtem persönlichen Anwendungsgebiet hatte, befasste ich mich vor einigen Jahren intensiv mit dieser, für den Festlandeuropäer etwas fremdartigen Sportart und bin seitdem absolut regelfirm. Bis heute war ich noch bei keinem Spiel persönlich anwesend, noch habe ich je einen Baseball erfolgreich geschlagen, aber falls ich jemals in eine Partie Baseball geraten sollte, wüsste ich zumindest ganz genau, weshalb ich sie verliere.

Also ganz grundsätzlich geht es darum, dass ein Schlagmann (Batter) den von einem Spieler des gegnerischen Teams (Pitcher) geworfenen Ball wegzuschlagen versucht. Gelingt ihm dies, muss er einen festgelegten Weg in Form eines Vierecks ablaufen, währenddessen die Mannschaft des Pitchers danach trachtet, ihn mit dem Ball zu berühren und somit aus dem Spiel zu nehmen (in Wahrheit muss der Batter natürlich nicht unbedingt berührt werden, aber das würde uns nun zu weit führen). An den Ecken dieses Vierecks befinden sich die Bases, auf denen der ehemalige Schläger, den man nun Läufer nennt (Baserunner; erst hinhauen, dann wegrennen, kennt man ja) vorläufig mal sicher, sozusagen im Leo ist. Kommt er bei der vierten Base, seiner Ausgangsbasis (der Homebase) wieder an, erzielt er einen Punkt (Run).

Wer mir bislang folgen konnte, dem werden gleich die fundamentalen Unterschiede zu den bei uns geläufigen Mannschaftsballsportarten (was für ein schönes Wort) auffallen: Während es hierzulande üblich ist, Punkte zu erzielen indem man den Ball in einem bestimmten Bereich, meist einem Tor, unterbringt, ist es bei Baseball so, dass der Ball von der verteidigenden Mannschaft gebraucht wird um den Angreifer auszuschalten. Außerdem ist es bei uns gute Sitte, dass von beiden Teams gleich viele Spieler am Platz stehen, hingegen bei Baseball auf der einen Seite der Pitcher mitsamt acht weiteren Feldspielern zu Werke geht und sich dabei mindestens einem bis maximal vier Kontrahenten gegenüber sieht, je nachdem ob die Bases schon von Läufern besetzt sind.

Der effektivste Weg, Punkte zu erzielen ist dabei der, den Ball dorthin zu schlagen, von wo ihn die verteidigende Mannschaft nicht mehr zurückbringen kann, sprich außerhalb des Spielfelds. Das ist dann der auch bei uns aus der Popkultur in verschiedensten Bedeutungen geläufige Home Run. Somit kann man, sind die Bases voll, im wahrsten Sinne des Wortes auf einen Schlag vier Runs, also Punkte, erzielen. Dieser besondere Fall wird dann auch, weil es im Baseball wirklich für alles einen eigenen Terminus gibt, als Grand Slam bezeichnet.

So geschehen auch Samstag Nacht im Busch Stadium (übrigens nicht nach diversen Georges, sonder dem Bierhersteller benannt) zu St. Louis. Oder etwa doch nicht? Da kommt jetzt nämlich nocheinmal eine Besonderheit ins Spiel, die auch für mein Faible für diese Sportart verantwortlich ist: Bei Baseball ist jedes Spielfeld unterschiedlich. Zwar gibt es für den Bereich innerhalb des Vierecks, des sogenannten Infields, Normmaße. Aber was sich außerhalb dessen erstreckt, eben das Outfield, variiert von Stadion zu Stadion (die deshalb treffenderweise in den USA auch Ballparks genannt werden). Vor allem ist die Außenbegrenzung nicht einfach eine Kalklinie auf dem Boden, nein, das kann eine Mauer sein, von der Ball auch schon mal abprallt, oder ein Zaun, eine Hecke, in Houston müssen die Spieler sogar eine Böschung hinauf laufen. Das kommt natürlich aus einer Zeit, als Baseball tatsächlich noch in Parks und auf Feldern gespielt wurde, deren Rand nicht klar definiert war. Immerhin hat man sich irgendwann darauf geeinigt, dass zumindest keine Bäume im Spielfeld stehen sollten. Im Lauf der Jahre wurde dann alles reglementierter, die Stadien entwickelten sich zu gleichförmigen Betonovalen. Doch dann begann man Mitte der 90er plötzlich im Retrostyle zu bauen und siehe da, es kam gut an. Nun säumen wieder Backsteinmauern die Ränder des Outfields, mit seltsamen Verlauf und obskuren Vorsprüngen, eine im Architekturbüro konstruierte Irrationalität, die dem dankbaren Publikum als Tradition verkauft wird. Nun hat wieder jeder Ballpark sein Gesicht, seine Besonderheit, den eigenen Charakter bestimmt durch unnötige Extras.

Das hat zur Folge, dass ein Home Run überall anders ist. Was zum Spielfeld noch dazugehört und was nicht bestimmen die jeweiligen Ground Rules. Wände gehören üblicherweise bis zu einer gewissen Höhe dazu, verschwindet der Ball im Efeu (so im berühmten Wrigley Field in Chicago) ist es kein Home Run, trifft er aber auf höhergelegene Bauteile, z. B. die Tribüne des 2. Rangs gilt er als draußen, auch wenn er von dort zurück auf das Feld prallen sollte.

Wie man sich vorstellen kann, gab es immer wieder strittige Situationen und da so ein Baseball klein und der Ballpark groß ist, lag auch so mancher Schiedsrichter mal daneben. Nun traut sich in Amerika kein Sepp Blatter zu behaupten, dass Fehlentscheidungen integraler Bestandteil des Spiels sind, immerhin geht es um Baseball, The National Pasttime, einer Sportart in der sogar per Definition ein „perfektes Spiel“ möglich ist (tatsächlich, Perfect Game bezeichnet das Ereignis, wenn ein Picher im Laufe eines Spieles keinen einzigen Batter eine Base erreichen lässt, das ist in der weit über hundertjährigen Baseballgeschichte nur 23 mal vorgekommen, eine erstaunlich niedrige Quote, wenn man bedenkt, dass allein in der heurigen Saison 2430 Matches stattfanden). Das erfordert Genauigkeit, vor allem aber, Richtigkeit. So wurde bereits vor einigen Jahren den Schiedsrichtern die Möglichkeit geschaffen, haarige Home Run Entscheidungen nochmals per Instant Replay zu kontrollieren und gegebenenfalls zu korrigieren.

So dann auch gestern in St. Louis. Washingtons Michael Morse ist am Schlag, die Bases sind bereits von drei seiner Kollegen besetzt, er jagt den Ball ins rechte Outfield, dort trifft er die obere Kante der Mauer und fällt zurück ins Feld, die Spieler wissen nicht ganz ob Home Run oder nicht, Morse wird zwischen erster und zweiter Base erwischt. Damit ist das Geschehen zunächst unterbrochen und die Schiedsrichter haben Zeit, die Videoaufnahmen zu studieren. Und da kommt es klar zum Vorschein: Der Ball ging über die Kante und prallte erst dahinter ab, damit ein Home Run, sogar ein Grand Slam.

Aber Moment, Baseball hat wie gesagt ein genaues, geradezu pedantisches Regelwerk. Und ist der Home Run auch noch so eindeutig, z. B. wenn der Ball im Meer versinkt (kommt in San Francisco öfters vor), er gilt erst, sobald der Batter auch noch alle Bases umrundet und berührt hat, natürlich in der richtigen Reihenfolge. Sind noch weitere Spieler seiner Mannschaft am Platz, gilt für die das Selbe und auch wenn sie Runner heißen, sie dürfen keinen Wettlauf daraus machen und sich nicht gegenseitig überholen. Soviel Zeit muss dann schon sein.

Als die Schiedsrichter die Entscheidung bekannt geben, lungert Morse gerade um die dritte Base herum. Man deutet ihm, er solle zurückgehen und brav trottet Morse zur Base Nummer Zwei. Aber auch das ist noch zu wenig, man schickt ihn weiter. Morse ist verwirrt, die erste Base hatte er ja eigentlich schon vorhin berührt, aber er will sich auf keine Diskussionen einlassen. Auf der ersten Base angekommen, machen ihm die Regelhüter nochmals darauf aufmerksam, was sie denn eigentlich von ihm wollen: Morse solle seinen ganzen Lauf wiederholen, also, zurück an den Start.
Als der inzwischen weitgereiste Nationale vor der Home Base steht, will er offenbar selbst nochmal auf Nummer sicher gehen: Er simuliert mit bloßen Händen seinen Schlag von vorhin, ein Schwung wie aus dem Lehrbuch und macht sich dann erst auf den Weg. Die Fernsehsprecher steigen gleich darauf ein und kommentieren seinen visionären Schlag und die imaginäre Flugbahn des Balls mit Begeisterung: „And there it goes! Over the wall, Home Run, Grand Slam for Morse!“ Nach einer kompletten Runde ums Infield wird Morse von seinen Mitspielern jubelnd empfangen. Er hat soeben den Begriff Instant Replay neu definiert.

Das schöne an diesem, grundsätzlich ziemlich nichtigen Vorfall: Nicht nur zeigt er wiedermal, welch absurde Auswirkungen eine strenge Regelbefolgung oft nach sich zieht. Noch viel mehr: Durch die möglichst genaue Wiederholung des Ablaufs bekommt man das Gefühl, Morse habe etwas richtig gestellt, nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Hergang, das Ereignis. Wünschen wir uns das nicht alle mal, die Zeit zurück zu drehen, eine Handlung noch einmal machen zu dürfen, nur diesmal mit besserem Ausgang? Hat Morse nicht genau das erreicht?

Natürlich nicht. Ist sein wiederholter Grand Slam von Bedeutung? Nein (nicht mal für den Tabellenstand). Und trotzdem ist es die schönste Unsinnigkeit, die mir die letzten Tage untergekommen ist. Ich werd wohl weiter Baseball schauen.