Männlichkeit

Mit vielen Konzepten, die mein Leben beherrschen, habe ich so meine Probleme. Das Konzept der Vollzeiterwerbstätigkeit z. B. Am meisten trifft dies aber wohl auf das Konzept der Männlichkeit zu. Ich kann mich damit einfach nicht identifizieren, es nervt mich meist nur. Natürlich habe auch ich im Laufe meines Daseins einige typische Aktionen männlichen Verhaltenskanons geliefert. Z. B. als ich im zarten Knabenalter einmal eine versammelte Familiengesellschaft stolz mit dem eben entdeckten Wunder der Erektion beglückte. Rückblickend kommt da in mir wieder dieser Zweifel auf. Wozu braucht ein Vierjähriger die Fähigkeit zur Erektion? Die männliche Existenz hat etwas grundlegend Sinnentleertes.

Ich war dann auch nie der typische Bub. War kein Draufgänger, wollte bei keiner Bande dabei sein und habe in meinem ganzen Leben nur zweimal jemanden gehaut. Wenn ich mich für üblicherweise im männlichen Interessenspektrum angesiedelte Themen begeisterte, dann aus eher ausgefallenen Gründen. Ich schaute z. B. einige Jahre lang Formel 1. Aber mit Motorengebrüll und Benzingeruch konnte ich nie etwas anfangen, hatte auch nie das Bedürfnis, das live zu erleben. Ich fand einfach nur ästhetisches Gefallen daran, wie diese bunten Werbetafeln im Kreis fuhren.

Mir waren auch alle zum damaligen Zeitpunkt bekannten Dinosaurierarten ein Begriff, aber ich wand mich in Abscheu, wenn meine Schulkollegen diese wunderbaren Geschöpfte als Actionfiguren mit Laserkanonen aufmarschieren ließen. Wie brutal, wie unästhetisch, wie durch und durch unsinnig. Als ob das ewige Fressen und Gefressen-werden nicht genügend brutale Schönheit zu bieten hätte.

Mein Vater war als Baumaschinenhändler tätig. Ich begleitete ihn manchmal auf Fachmessen und erlebte dort verschwitze, betrunkene Herren, die betrunken verschwitzte Herrenwitze zum Besten gaben. Ich rezitierte daraufhin auswendig gelernte Prospekte der Maschinen meines Vaters, wunderbare Zahlentabellen, ich hatte einen kompletten Baumaschinenstammbaum in meinem Kopf gespeichert, gleich neben dem der Dinosaurier. Die Vertreter der Baubranche wussten mit meiner Detailkenntnis nichts anzufangen, sie trafen ihre Kaufentscheidung eher nach dem Gesichtspunkt, welcher Anbieter die höhere Bordellrechnung beglichen hatte.

Einige Zeit spielte ich sogar in einem Fußballverein, Position defensives Mittelfeld. Technisch war ich nicht versiert, aber ich lief und lief und lief. Wollte gar nicht aufhören zu laufen, denn dann müsste ich zurück in die Kabine und den dortigen Gesprächen versuchte ich auszuweichen. Körperlich war ich Spätentwickler und Debatten darüber, welche Mädchen denn man schon pudern könne, interessierten mich auch nicht vom theoretischen Standpunkt her.

Überhaupt, wie die Buben immer über die Mädchen redeten. Zuerst hieß, die sind blöd, später hieß es dann, die sind ur geil, aber immer noch blöd, weil sie sich halt nicht pudern lassen. Zwanzig Jahre nach der Pubertät, scheint sich an dieser Einstellung bei meinen Geschlechtsgenossen auch gar nicht viel geändert zu haben. Und mir wirken die Männer wie eine vollkommen überholte Art, die sich mit triefendem Machogehabe über die zunehmende eigene Sinnlosigkeit hinwegtäuscht. Und anstatt sich anzupassen, neu zu definieren werden sie rabiat und gefährlich, ziehen in den Dschihad oder wählen Norbert Hofer.

Ja, ich tu mir schwer mit den Männern, mit ihrer Männlichkeit, versuche mich davon abzugrenzen, damit ich mir mit mir selbst nicht zu schwer tu. Auch als ich mit Jugendlichen arbeitete, fiel es mir mit den Mädchen schon leichter. In ihrer Umgebung war ich lieber ein Mann als unter Burschen, ich fühlte mich freier diese Rolle so anzulegen, wie ich sie für gut fand. Einmal hatte ich eine reine Mädchengruppe. Das war großartig. Ich war der Gruppenpapa und versuchte, Verantwortung als pädagogische Leitperson mit Gutmachung für 5000 Jahre Patriarchat zu vereinen. Natürlich tanzten mir die Mädels auf der Nase herum. Aber es war ja meine Nase, die ich lenken und damit eine Richtung vorgeben konnte. Im Großen und Ganzen vermeine ich, meinem Idealbild des Vaters als einer Person, die man im Ernstfall ernst nimmt, entsprochen zu haben.

Uns so ist es auch jetzt so, dass wenn immer ich an eigenen Nachwuchs denke, ich mir nur eine Tochter vorstellen kann. Ich habe schon alternative Lebensläufe für sie konzipiert, mir verschiedenste herausfordernde Situationen in ihrem Heranwachsen ausgemalt, mich mental auf meine Rolle zwischen ihr und ihrer Mutter vorbereitet, z B. den Satz „Bloß weil du auf die Mama sauer bist, kannst du nicht anfangen, Deutsch mit ihr zu reden, sprich mit ihr lettisch, das bist du ihr schuldig“ mit dem entsprechenden Gesichtsausdruck vor dem Spiegel geübt. Herzergreifend wird dann auch die Szene werden, wenn meine Tochter in jugendlichem Alter, schon mit der Aussicht auf eine internationale künstlerische Karriere am Horizont, eine Kiste mit meinen alten Texten und Aufnahmen entdecken und mich fragen wird, wieso ich denn eigentlich das alles damals aufgegeben hätte und nach Lettland gezogen wäre und ich würde bloß sagen
„Weil es dich sonst nicht geben würde“
und wir werden uns anschauen und lächeln und alles wäre in Ordnung.

Bei einer Autofahrt erzählte ich meiner Liebsten unlängst von diesen Zukunftsaussichten. Sie hörte mir eine Zeitlang zu und meinte dann:
„Du weißt schon, dass ich schon immer gern einen Buben gehabt hätte.“
Mir war meine Enttäuschung wohl anzusehen, denn schnell versuchte sie mich zu trösten.
Aber weißt du, vielleicht ist er ja schwul.“

Und was soll ich sagen, da fiel es mir plötzlich leichter. Ja, einen schwulen Sohn, das kann ich mir eigentlich ganz gut vorstellen. Das finde ich geradezu passend. Und wenn der dann mal groß ist, wird er mir zu Recht Vorhaltungen machen, warum ich denn noch in so veralteten Geschlechterklischees denke.