Was ist Baywatch?

 

Anmerkung: Dem frivolen Inhalt zum Trotz verdankt dieser Text seine Entstehung meiner Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Vor einigen Wochen improvisierte ich mit einer Gruppe Zehnjähriger eine Szene „Am Strand“, im Zuge dessen erbat ich mir einen dramatischen Rettungsschwimmer, „ihr wisst schon, so wie bei Baywatch…“ Die Kinder sahen mich entgeistert an: „Was ist Baywatch?“ Noch nie in meinem Leben kam ich mir so alt vor und ich spürte in mir den Drang, zu einer richtig großväterlichen Rede über die längst vergangene Zeit meiner Jugend anzuheben. Der Inhalt verbat es mir, diese Worte gegenüber den Zehnjährigen tatsächlich auszusprechen, darum habe ich sie niedergeschrieben.

Ach Kinder, das könnt ihr euch ja gar nicht mehr vorstellen. Baywatch ist eine längst vergangene Zeit, meine Jugend, die 90er, das vorige Jahrtausend.

Vordergründig handelt es sich bei Baywatch um eine Fernsehserie. Aber um eine richtige, klassische Fernsehserie, nicht um das, was da heutzutage produziert wird. Heute, wo auf einmal Hollywoodstars sich um Serienrollen reißen, wo die Handlungsstränge komplex, hintergründig, sozialkritisch und postmodern-ironisch die Unsicherheit des 21. Jahrhunderts widerspiegeln, auf einsamen Inseln, in mittelalterlichen Wäldern oder im unendlichen Interpretationsspielraum der Zombieapokalypse.

Heute, wo sich die Bobos einsam versammeln im Flackern der Macbookbildschirme, die neueste Episode downgeloaded in englischer Originalfassung, die Heerschar der Individualisten im Zeitgeist vereint glotzend und kommentierend…

Nein, ich möchte von damals sprechen, als Fernsehserien noch der letzte Schrott waren und nicht mehr sein wollten, wo David Hasselhoffs drei Gesichtsausdrücke genug waren für 10 Staffeln, wo die Bösewichte Schlitzaugen oder Schnauzbärte trugen, das Unglück verursacht wurde durch Cannabiskonsum und vorehelichem Geschlechtsverkehr, wo unter der Sonne Kaliforniens am Strand von Malibu die Welt gerettet werden konnte durch zweimal Mund-zu-Mund beatmen…

Nein, es war nicht die ewig gleiche Handlung, die Baywatch seinen überragenden Platz in meiner und meiner Altersgenossen Adoleszenz verschaffte, es waren keine feingezeichneten Charaktere, mit denen man sich identifizierte, ganz im Gegenteil, in höchstem Grade nervtötend waren die familiären Schwierigkeiten des alleinerziehenden Vaterwürschtels Mitch Buchanan und seines Sohnemanns Hobie, den man schon für schwul hielt, ehe man sich der Bedeutung des Wortes überhaupt richtig bewusst war. Aber da musste man durch. Hatte man die elendig langen Passagen des Herumgegockels Hasselhoffs, der sich offenbar tatsächlich für den Star der Sendung hielt, überstanden, gab es zur Belohnung für das männlich pubertierende Auge etwas zu sehen:

Weibliche Körper, in knappen roten Badeanzügen, über die Brüstung des Wachturms gelehnt, am Strand laufend, mit zarten Händen Herzdruckmassage simulierend.

Kinder, ihr könnt euch ja gar nicht vorstellen, was dieser Anblick für mich und meine in Dauereregiertheit vereinten Altersgenossen bedeutete. Ihr, die ihr heute nackte weibliche Geschlechtsmerkmale primärer wie sekundärer Natur jederzeit und überall auf euren Smartphones zur Verfügung habt.

Was hatten wir denn damals schon für Zugang zu Pornographie? Manche Glückspilze in meinem Bekanntenkreis hatten von älteren Brüdern einen Playboy geerbt bekommen und in liebevoller Kleinarbeit dessen Seiten wieder voneinander gelöst. Der eine oder andere Mutige hatte gar das ÖKM aus Papis Nachtkästchenlade stibitzt. Wer solche Taten mit Sexualmoral und viertem Gebot nicht in Einklang bringen konnte, dem blieb nur ein Schwarzweißfoto auf Seite 7 der Krone, doch bei mir daheim las man Kurier… und natürlich gab es das Bravo, aber sollte ich, der damals nur Beethoven hörte, plötzlich mit einem Bravo zuhause auftauchen? Ich habe es mir nicht einmal zu kaufen getraut, bis heute nicht.

Es gab also für mich nur eine Rettung vor dem Ertrinken in der Flut meiner Hormone: Die Rettungsschwimmerinnen von Malibu im Nachmittagsfernsehen. Bloß gestaltete sich das nicht so einfach, wie ihr euch das vielleicht vorstellt, ihr, die ihr eure Geräte griffbereit in der Hose habt und euch schnell mal an einen Ort zurückziehen könnt, wo euch nur der Facebookchat stört.

Nein, bei mir stand der Fernseher im familiären Wohnzimmer, die einsamen Stunden waren höchst selten, da war nix mit Runterladen vor dem Runterholen, man musste sich die Bilder in seinem Kopf abspeichern, sozusagen völlig analog um sie dann später unter der Bettdecke in hoffentlich guter Qualität wieder abrufen zu können. Das, liebe Kinder, war Selbstbefriedigung in den 90ern, richtig harte Arbeit.

Man quälte sich durch die ewig lang anmutenden Passagen Hasselhoffscher Moralpredigten und Verfolgungsjagden mit Strandbuggys um den einen Moment sehen und hoffentlich merken zu können, als Pamela Anderson aus dem Wasser steigt, der Badeanzug klebt an ihren Brüsten und rutscht doch schon fast hinab, ihr Blick zunächst verträumt in die Kamera, dann lächelnd in ihr Dekolleté, als wolle sie sagen, Jungs, ich weiß genau, wo ihr jetzt hinstarrt, aber ist schon ok, seht nur her, was der medizinische Fortschritt mir gegeben hat.

Überhaupt, Pamela Anderson, sie hat mir ja eigentlich gar nicht so gefallen, aber es war eben Pamela Anderson, gibt es sowas heute überhaupt noch, einen solchen kollektiven Bubentraum? Pamela Anderson, dieses menschliche Äquivalent zum Big Mac, zu üppig, völlig künstlich und trotzdem irgendwie geil…

Alle heiligen Zeiten hatte man Glück, man war allein zuhause, als der Trommelschlag zu Beginn von “I’m Always Here” ertönte, im Überschwang der Gefühle vergaß man, sich vorsorglich Taschentücher bereitzulegen, diese Erkenntnis kommt erst postorgastisch, dafür umso unangenehmer, das T-Shirt zwischen Kinn und Brust eingeklemmt versucht man hüpfend das Klo zu erreichen als plötzlich die Haustür aufgesperrt wird… Panik, Schamgefühl, Erregung, tja, liebe Kinder, das war meine Jugend.

Heutzutage ist das ja ganz anders. Jetzt kann man sich die Pamela Anderson Highlights aus Baywatch zusammengeschnitten auf Youtube anschauen. Aber ich weiß nicht, ohne Hasselhoff dazwischen habe ich nicht das Gefühl es verdient zu haben. Vielleicht bin ich auch einfach nur alt geworden.