Skopje


Zunächst scheint es, die über steilen Abhängen liegende Festung Kale würde die Stadt Skopje beherrschen. Doch hat man die vom Zentrum ausgehende Treppe erklommen bis zu dem Punkt, an dem sie sich plötzlich in einem Park verliert und festgestellt, dass das Bollwerk für Besucher nicht zugänglich ist, erblickt man dahinter einen weiteren grauen Klotz, der Kale sogar noch um einige Meter überragt: Das Museum für zeitgenössische Kunst. Der Bau selbst ist kein Zeitgenosse mehr, 1970 nach Plänen polnischer Architekten errichtet, laut Beschreibung ein „exzellentes Beispiel der Spätmoderne“ erfüllt es das, was man sich bei uns unter sozialistischer Architektur vorstellt. Das Museum wirkt hier auf der Hügelkuppe deplatziert, gestrandet, ein UFO liegengeblieben in Raum und Zeit, aber trotz der deutlichen Spuren, die die Jahre hinterlassen haben, immer noch seltsam futuristisch, zerfallende Erinnerung an eine nie eingetretene Zukunft.

Ich blicke durch weite Glasfassaden ins Innere, das gar nicht wie ein Inneres wirkt, eher wie ein durch ein paar Scheiben abgetrenntes Äußeres. Über diesem lichten Erdgeschoss drückt überhängend ein mächtiger Quader, als solle er verhindern, dass sich das Museum in Luft auflöst. Ich sehe Köpfe, aber keine Menschen. Die vereinzelten Exponate verlieren sich im durch wenige Wände und viele Stiegen geteilten Raum. Der Boden wellt sich von Pfützen übersät, in denen sich herabhängende Beleuchtungskörper spiegeln, einige wenige mit Energiesparlampen verschiedenster Bauart versehen, die auch jetzt, am helllichten Tage leuchten, das einzige Lebenszeichen des Museums. Die Zeitgenossen scheinen tot oder verschollen. In Skopje unten werden heute pseudoantike Statuen errichtet, von Alexander dem Großen und anderen neuerdings erklärten Nationalhelden, wahre Kolosse, die in ihrer aufgesetzten Monumentalität eher erheitern als beeindrucken. So denkt man zumindest als abgebrühtes Kind der Postmoderne, in der es nur mehr Zitate gibt und keine Symbole.

Ich drehe mich um in Richtung Kale und Stadt. Die Kuppe ist bedeckt mit struppigem Gras, gekreuzt von Betonpflasterwegen, die über windschiefe, abgebrochene und gänzlich fehlende Stufen zum Museum führen. Sie scheinen nur mehr von vereinzelten Touristen benutzt zu werden, es erinnert an eine abgelegene griechische Akropolis, bloß dass diese Bauten hier erst einige Jahrzehnte und nicht Jahrtausende alt sind.

Den Hang hinauf bewegt sich eine trächtige Hündin. Sie biegt scharf auf den Pflasterweg ein und geht diesen entlang, wie Hunde in diesem Land zu gehen pflegen und es gibt viele Hunde in diesem Land, aber man kann nicht sagen sie streunen, nein, sie gehen eben, gehen einer Beschäftigung nach.

Die Hündin verschwindet aus meinem Blickfeld, da wo ich die Spitze des Minaretts in Augenhöhe habe als auf einen Schlag um halb fünf die Muezzine in der Altstadt beginnen, je nach Tonlage dröhnt es laut zu mir hinauf oder versandet in den Hängen, aber es scheint mir sie singen nicht in meine Richtung sondern zum Süden, gegen den Berg Vodno an, mit 1066 Metern die höchste Erhebung der Region, seit einigen Jahren nochmals um 77 Meter überhöht durch ein riesiges Stahlkreuz. Es thront weithin sichtbar über der Ebene von Skopje, erleuchtet nächtens noch mehr als am Tag. Aller postmodernen Ironie zum Trotz erkennt man es als Machtsymbol, mehr noch als Kampfansage.

Ich forme ein Dreieck. Zu meiner Rechten am Fuße des Vodno erstreckt sich das vielstöckige, schäbig-moderne, von slawisch sprechenden, orthodoxen Mazedoniern bewohnte Skopje, zu meiner Linken, die verwinkelte, muslimisch-albanisch geprägte Altstadt, in meinem Rücken, wie es scheint am veraltetsten, das baufällige Überbleibsel sozialistischer Utopie. Unter mir schneidet der Fluss Vardar das Dreieck und die Stadt und strömt Richtung Griechenland, jenem Griechenland, das sich weigert die Republik Mazedonien als solche zu bezeichnen, weshalb diese noch mehr Alexander der Große-Statuen, Autobahnen und Flughäfen aus dem Boden stampfen wird.

Ich sitze da und versuche mir ein Bild zu machen, von einer Stadt, von einem Land, in dem ein 2300 Jahre alter Feldherr aktueller ist als die Politik vor drei Jahrzehnten, doch es gelingt mir nicht, das Bild zerfällt, das Dreieck hat Ecken, aber keine Linien. Trotzdem, Skopje lebt, pulsiert. Und ich bin hier oben doch nicht allein. Versteckt hinter einer der Plastiken im Schatten des Museums entdecke ich ein Liebespaar, wohl ein heimliches, ich male mir aus, dass es sich um einen Mazedonier und eine Albanerin handelt. Auf einmal komme ich mir wie ein Eindringling vor, hochnäsiger Tourist, ich drehe mich schnell weg. Am Hügel erscheint die trächtige Hündin, sie geht exakt den Weg von vorhin wieder zurück. Offenbar hat sie Erledigungen gemacht. Ich hingegen bin noch am Rätseln, über Skopje, der Stadt wo die Hunde ihren gewohnten Gang nehmen.