Du schreibst


 

Es wird mit jedem Tag heißer. Bei unserer Ankunft hatte es 28 Grad, jetzt sind es 31, bis Anfang nächster Woche soll es an die 40 gehen. Die Sonne sticht herab, zwingt einen in den Schatten. Um nichts in der Welt möchte ich an diesem 15. August in den Himmel fahren.

Fragt sich allerdings, was ich sonst tun könnte. Als einziger in unserer illustren Runde habe ich kein Aufgabengebiet. Die Musiker musizieren, die Filmemacher filmen. Grob gesagt. Im Detail natürlich spielt der Gitarrist Gitarre, nimmt der Tonmann den Ton auf, produziert der Produzent. Doch egal auf welcher Ebene der Genauigkeit, ich bin undefiniert und damit auftragslos. Ich bin nur mir selbst Rechenschaft schuldig, aber über die Jahre betrachtet stehe ich da schon ziemlich in den Miesen. Also greife ich zu Papier und Stift.

„Du schreibst?“ hörte ich am ersten Tag von jedem der mir bis dahin noch unbekannten Filmleute, eine als Frage getarnte Feststellung. „Du filmst“ hätte ich darauf antworten können, ließ es aber sein. Sagen wir halt, ich schreibe. Gestern meinte dann Max, der Regisseur, also der, der Regie führt, zu mir: „Wir müssen dich noch ein wenig mehr in Szene setzen, man weiß gar nicht, was du eigentlich machst.“ Er kennt diese Einschätzung meiner Person noch bei weitem nicht so gut wie ich.

Was sich ebenfalls bislang einer Definition entzieht ist, was ich eigentlich schreibe. Ich weiche dieser Frage, wie den meisten Entscheidungen in meinem Leben, großräumig aus. Gestern war ich unterwegs in der Stadt, ziellos. Man könnte sagen, ich suche nach Inspiration. Man könnte auch sagen, ich lasse mich gehen. Immerhin, ich stieß dann dann tatsächlich auf einen Ort, der meine Gedanken und dann ein paar Seiten füllte.

Heute hingegen habe ich das Hostel noch nicht verlassen. Langsam sollte ich. Zumindest der Hunger treibt mich hinaus. Bislang habe ich nur zwei Tassen Kaffee und eine Handvoll Zigaretten in mir. Statt meines sonst üblichen Wuzeltabaks rauche ich hier in Skopje Zigaretten der Marke „Bond“ aus dem Packerl, es ist halt gar so billig. Jetzt, wo ich meine Zigaretten nicht mehr selbst drehe, habe ich, wenn ich nicht schreibe, wirklich nichts mehr zu tun.

Meine Überlegungen gehen in die Richtung, wieder ins Hotel Anja essen zu gehen. Was ich allerdings schon zwei Mal tat. Es scheint mir komisch, in einer 500.000 Einwohnerstadt jeden Tag das selbe Restaurant zu besuchen. Andererseits ist das Essen dort gut, der Kellner sagt schon „Hey, my friend“ zu mir. Die anderen sind im Studio aufnehmen, ich bin allein, da tut es schon gut, ein bekanntes Gesicht um mich herum zu haben.

In der Altstadt gibt es auch Lokale, aber die Altstadt ist mir ein wenig suspekt. Nicht, dass die Menschen unfreundlich wären, aber ich fühle mich dort doch sehr als Fremder, ziehe verwunderte Blicke auf mich. Die Gassen Altskopjes, die niedrigen Häuser strahlen für mich bislang keine Gemütlichkeit aus. Vielleicht liegt es daran, dass ich in den Tagen vor der Reise Josef Roth las und ich nun überall Zeichen des Verfalls, des anschwellenden Konflikts zu vernehmen glaube. Auch hier in Skopje. Ja, ich schreibe über Skopje, über mich in Skopje.

 

Zwei Stunden später sitze ich im Hotel Anja und beschließe, mich an meiner Beständigkeit zu erfreuen, anstatt sie als Einfallslosigkeit kritisch zu hinterfragen. Allerdings fehlt mein gewohnter Kellner. Naja, ich kann morgen immer noch nicht hingehen. Das Hotel Anja hat den Vorteil direkt an der Varna zu liegen und ich mag das Promenadenfeeling. Am Flussufer gegenüber strahlt neoklassizistisch das archäologische Museum, durch eine unfertige Brücke mehr getrennt denn mit meinem Standort verbunden. Das Museum selbst ist, wie ich schon feststellen musste, auch noch nicht fertig, bislang nur Fassade. Ich hege kurzzeitig den bösen Verdacht, dass die archäologischen Fundstücke erst fabriziert werden müssen, wie alles Antike in Skopje neuen Datums ist. Ein Rückgriff auf die Antike. Oder eine Aneignung, wie man jenseits der Grenze meint. „They do like they have history, but they don’t have“ waren die Worte des bulgarischen Taxifahrers.

Ich würde sagen, Geschichte wirkt in Skopje nicht wie Vergangenheit.

Im Norden der Stadt soll es einen römischen Aquädukt geben, noch war er mir für einen Fußmarsch zu weit entfernt. Vielleicht in den nächsten Tagen, aber es soll ja immer heißer werden. Bislang war ich in Skopje, wenn allein, dann zu Fuß unterwegs. Auch heute steht mir noch eine solche Strecke bevor. Sie quert den Plostadi Makedonja, diese kitschig-bombastische Beschwörung eines Nationalgefühls und führt dann nach einigen Metern, in denen der Glanz abrupt endet, auf eine breite Verbindungsstraße nach Westen. Hohe Plattenbauten links und rechts, sie halten Respektabstand zur Straße, machen ihr Platz, einige sind mit Backsteinen verkleidet, was sie tatsächlich ansehnlicher macht. Auf der Karte ist die Gegend mit „Beverli Hils“ bezeichnet.

Nach etwa zwanzig Gehminuten liegt rechter Hand die ehemalige Möbelfabrik „Treska“ mit dem Tonstudio. Es gäbe vielleicht nettere Wege zu meinem Ziel, aber Victor, der junge Toningenieur empfahl mir in Skopje, das ja grundsätzlich völlig sicher sei, trotzdem nur dort zu gehen, wo auch andere unterwegs sind. Er legte den Kopf leicht schief. „It’s better“. Mehr um den stets bemühten Victor nicht zu enttäuschen folge ich seinem Rat und somit dem ausufernden Asphaltband durch Beverli Hils, gebe mich dem Gefühl hin, hier nicht sonderlich aufzufallen, sicher und weit, weit weg.

 

Es fällt mir schwer, Skopje mit einer anderen Stadt zu vergleichen. Am ehesten noch mit Berlin. Das liegt an den Museumsbaustellen am Vardarufer und den grundsätzlichen Bemühungen der letzten Jahre, der Stadt durch großangelegte Neukonstruktionen urbanen Glanz zu verleihen. Wie Berlin wirkt Skopje unfertig, ist nicht als sonderlich schön zu bezeichnen, aber es tut sich was. Alte Bausubstanz findet sich kaum, hier war es allerdings nicht der zweite Weltkrieg sondern ein schweres Erdbeben 1963, das alles in Schutt und Asche legte. Skopje sieht man seine Jahrtausende alte Geschichte nicht an. Dabei soll es in der frühen Neuzeit eine der blühensten Städte des Balkans gewesen sein. Bis dann im Jahre 1689, im Zuge des sogenannten „Großen Türkenkrieges“, Ottavio Piccolomini, General in Diensten des Habsburger Kaisers, Skopje niederbrennen ließ. In seinen Aufzeichnungen bedauert Piccolomini durchaus die Zerstörung der von ihm ausführlich in ihrer Pracht beschriebenen Stadt, aber die militärische Logik hätte es halt so erfordert. Man war weit vor der eigenen Front, das Gebiet war sowieso nicht zu halten, also kommt das Prinzip der verbrannten Erde zur Anwendung, immerhin gilt es „Angst und Schrecken“ unter den Türken zu verbreiten. Angst und Schrecken erlitten sicher die Juden, ihr Viertel wurde von der Feuersbrunst am stärksten getroffen. So richtig erholt hat sich Skopje von den Ereignissen des 26. Oktober 1689 nie mehr.

Irgendwie fühle ich mich als Österreicher auf dem Balkan immer ein wenig schuldig. Das liegt weniger an Kurt Waldheim und den vielen anderen, die ja auch nur ihre militärische Pflicht taten, es kommt mehr noch aus der Zeit her, als das stolze Kaiserreich in Südosteuropa „Politik“ machte, mit all den bekannten Folgen. Ich fühle mich der Region verbunden und will doch Abstand halten, mich nicht hineinmischen. Am Plostadi Makedonja blicke ich die riesige Statue hinauf, die offiziell „Krieger am Pferd“ heißt, in Wirklichkeit aber, und das ist allen klar, Alexander darstellt, auch so ein „Großer“, was natürlich die Griechen ärgert, so groß kann er dann gar nicht sein, dass er für zwei Länder reicht. Auf dem Dach dahinter prangt der mir aus der Heimat wohlbekannte Schriftzug der EVN. Statt Politik macht Österreich jetzt hier Energie. Gerade die EVN, ich überlege, dass ein überdimensionales Erwin Pröll Standbild auch noch ganz gut auf den Plostadi Makedonja passen würde. Die derzeitige mazedonische Regierung scheint jedenfalls gerne Machtgier als Willensstärke zu präsentieren.

Der Platz liegt hinter mir, auch Beverli Hils, ich habe das Studio erreicht. Die Stimmung in der Band ist gut, offenbar ist bei den Aufnahmen einiges weitergegangen. „Und was hast du heute gemacht?“ „Unterwegs gewesen“, antworte ich und nach einiger Zeit, mehr zu mir selbst: „Ich werde aus dieser Stadt nicht schlau.“ Ich lasse noch einmal den Blick schweifen. In der Ferne roter Feuerschein. Es ist nicht Skopje, das brennt, bloß ein paar Hügel in der Umgebung. Die Vergangenheit kommt nicht wieder und das ist wohl auch gut so.