Abhängigkeit

Ich habe es tatsächlich geschafft. Knapp vor meinem dreißigsten Geburtstag habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Schluss gemacht. Eine Beziehung beendet, von mir aus, aktiv, selbst gesagt „Ich glaube es ist besser, wenn wir uns trennen“, sogar ganz egoistisch gesagt „Für mich ist es besser, wenn wir uns trennen“. Nach zwölf Jahren habe ich mit Ihr, die mein Leben bestimmte, Schluss gemacht. Mit der Zigarette.

Anders kann man es gar nicht ausdrücken. Formulierungen wie „Mit dem Rauchen aufhören“ können nur von ahnungslosen Abstinenzlern oder hoffnungslosen Unromantikern stammen. Es war nicht das Rauchen dem ich einst verfiel, es war die Zigarette, die ich in den Händen hielt, ich frischgebackener, bis dahin immer so brav geglaubter Maturant, trat mit Ihr vor mein gewohntes Umfeld, als würde ich sagen „Schaut her, das ist meine Neue!“ und alle reagierten auch entsprechend „Die? Hätten wir dir gar nicht zugetraut“.

Seitdem war ich mit Ihr zusammen und ich war es gern. Alles an Ihr war Liebe, Sie mit den Lippen zu umschließen, zu inhalieren, Sie eindringen zu lassen, Sie zu spüren bis in die letzte Nervenbahn. Immer Sie, überall Sie, Sie, die Eine. Das ist wohl, was den Nichtrauchern unverständlich bleibt, wenn sie vorrechnen wieviele Zigaretten man schon geraucht habe, noch rauchen werde, was das kosten würde, pro Stück, pro Packung, in Euro, in Lebensjahren usw., was sie eben nicht nachvollziehen können, dass es nämlich gefühlsmäßig nur eine Zigarette ist, die man da raucht, eine Liebe, zwar in unzähligen Inkarnationen entflammt und wieder ausgedämpft, aber trotzdem nur eine, einmalig. Sonst wäre ja auch nicht die Markentreue erklärbar. Oder dieses Prickeln, im Ausland mal eine andere zu probieren, kleiner Urlaubsflirt quasi.

Und für mich, der ich selbst drehte, war diese Gewissheit, ein Lebenlang eigentlich dieselbe Zigarette zu rauchen nur noch größer, ich, der ich jedesmal aufs neue sah, wie sich aus Tabak und Papier in meinen Händen die Eine manifestierte. Natürlich war es irgendwann nicht mehr so wie zu Beginn, längst verflogen der Rausch der ersten Lungenzüge, die Zigarette begann selbstverständlich, nebenbei schon zwischen meinen Fingern zu entstehen, aber doch freute ich mich immer wieder auf Sie, ich hatte Sie gern, bekannte mich zu Ihr, aus Überzeugung. Sie war ein Teil von mir geworden und ich fand das gut so.

Und eigentlich hat sich daran auch jetzt nichts geändert. Selbst wenn ich vor ein paar Tagen zu Ihr sagte „Ich glaube du tust mir nicht gut“ und Sie seitdem ausgedämpft blieb. Ohne Wiedergeburt. Vorbei.

Natürlich kam ich die ersten 48 Stunden nicht zu Ruhe, lief wie aufgezogen umher, immer auf der Suche nach oralen Ersatzbefriedigungen, Soletti, Schlecker, Stifte, meine Umgebung, die mir zunächst noch zu meinem Entschluss gratuliert hatte, hielt mich bald schon meiner Unruhe wegen für unerträglich, vor allem, ich war nicht nur unerträglich hektisch, ich war auch unerträglich gut aufgelegt, euphorisch, diese Euphorie, wie sie mit dem scheinbaren Beginn eines neuen Lebensabschnittes gerne einhergeht. Nach diesen 48 Stunden wurde klar, dass es natürlich immer noch das selbe alte Leben war, nur mit etwas weniger. Ein Verlust. Die körperlichen Entzugserscheinungen waren auch bald ausgestanden. Gerade mal zwei Tage hatte es gedauert. Das war’s? Das war alles, nach zwölf Jahren Abhängigkeit.

Und ja, das ist es, was ich am meisten vermisse, mein größter Verlust: Die Abhängigkeit. Ich bin keiner von denen, die sagen, sie würden gerne so rauchen, dass sie nicht abhängig werden. Nein, gerade das habe ich immer am meisten genossen. Ich bin gerne abhängig. Abhängigkeit heißt, dass man sich zu etwas anderem, was man nicht selbst ist, in bedingungslose Relation stellt, und dadurch wird man überhaupt erst zu etwas, völlig unabhängig wäre unsere Existenz doch ein Nichts. Ich will mir nicht selbst genügen müssen, ich suche, bin süchtig nach Abhängigkeit. Und die Zigarette nahm meine Abhängigkeit immer an. Menschen können das nicht. Denen wird es schnell einmal zuviel, wenn man von ihnen abhängig wird. Für die Zigarette kein Problem, ihr kannst du immer wieder sagen, dass du Sie brauchst, von Ihr nicht genug kriegst. Ich habe mich Ihr mit Freuden und Überzeugung untergeordnet, mein Leben, meinen Tagesablauf nach Ihr, auf Sie gerichtet. Die Uhr im Blick, die Sucht im Gespür, planend, rechnend, wie lange es jetzt schon her war und wann und wo wir wieder zueinander finden würden.

Die zunehmenden Rauchverbote haben unsere Verbindung nur noch verstärkt, uns noch enger zusammenwachsen lassen, wir kannten unsere Plätze, jenseits der anderen, ich konnte mich noch fester zu Ihr bekennen, es allen sagen „Ich geh jetzt raus rauchen.“ Erst eine solche Abhängigkeit macht einen offen für die kleinen Glücksmomente, nicht nur die direkte Befriedigung, etwa den ersten Zug nach Verlassen des Flugzeuges, nein, auch und gerade die indirekten, die eben das ganze mit sich bringt, wie die Freude beim Betreten des Hotelzimmers einen Balkon zu erblicken.

All das, die liebgewordenen Routinen, der Gang zur Trafik, Ihr Geruch in der Nase, am Gewand, am ganzen Körper, all das ist jetzt vorbei. Ich habe es beendet. Ich vermisse Sie und glaube doch, dass es so besser ist. Es war schon höchste Zeit. Allein diese Zeilen zeigen das deutlich. Mein Verhältnis zu Ihr, so passend es mir auch schien, das war doch nicht normal. Und immerhin, der Abschied geht leichter als erwartet. Ich kann das hier schreiben ohne vor Verlangen zu vergehen, ich kann an Sie denken ohne zu Ihr zu greifen. Alles nicht so schlimm. Ich glaube, ich werde das schaffen.

Und wenn ich doch einmal an den Punkt gelange an dem ich sage „Das Leben mit ihr war einfach schöner“, dann wird Sie da sein. Diese Gewissheit macht mir schlussendlich die Trennung erst möglich. Hat man eigentlich deshalb immer so leicht mit mir Schluss gemacht? Weil ich, wenn es darauf ankäme, ja sowieso… nein, der Gedanke hilft mir jetzt auch nicht weiter. Aber woran soll ich eigentlich denken, wenn ich nicht an Sie denke? So gänzlich unabhängig denke. Das kann auch nicht lange gut gehen. Ich hoffe nur, meine nächste Abhängigkeit ist zumindest nicht tödlicher.